Die 60er-Jahre: Die Mangelwirtschaft
vergangener Jahrzehnte ist vergessen. Das neue Agrarproblem heißt:
Überschuss. In diesem Jahrzehnt fallen
innerhalb der neugegründeten EWG die Zollschranken. Ein Schlüssel zum Wohlstand, denn die Absatzchancen der Wirtschaft
vergrößern sich. Auch die Landwirte
blicken nach Brüssel. Agrarpolitik wird Europasache. Wir wollen aus den
sechs nationalen Wirtschaften der Mitgliedsländer der
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft eine einzige Wirtschaft machen. In diese Wirtschaft muss also die
Landwirtschaft einbezogen werden. Die EWG schafft
eine gemeinsame Marktordnung. Sie garantiert den Landwirten
für ihre Produkte Festpreise und schützt ihre Bauern durch Zölle
vor Waren aus Drittländern. Das Prinzip Angebot und Nachfrage
ist außer Kraft gesetzt. Und die Landwirtschaft
erzielt Erträge, von denen man
bis dato nur geträumt hat. Durch Dünger und Spritzmittel
und v.a. durch die Mechanisierung. “Automatisch” heißt das Zauberwort
auch für Haus und Hof. Und der Mist wird jetzt
elegant entsorgt. Technische Errungenschaften kann sich
aber nicht jeder Landwirt leisten. Deshalb werden 1968
Maschinenringe gegründet. Die Idee: Maschineneinsatz
in Partnerschaft. Was, wie hier bei
einer Versammlung des Maschinenrings, mit Skepsis betrachtet wird. Schließlich redet kein Bauer
gern über sein Geld, selbst wenn er es sparen könnte. Da bedarf es
noch der Überzeugungsarbeit. … recht eifrig von diesem
überbetrieblichen Maschineneinsatz Gebrauch machen. Damit wir die Kosten der Erzeugung mithilfe der Maschinen
verbilligen können. Das Thema Technik beherrscht
auch das Tierzuchtziel: Das maschinengerechte Euter. Und die Sechs-Tage-Kuh. An Sonntagen sollte
durch Verdunkelung der Ställe das Vieh
auf Futter und Melken verzichten. Ein missglückter Versuch. Den Moden der Verbraucher zuliebe werden Kälber
mit eisenarmen Futter gemästet. Die Folge: Blutarmut. Die Edelfresswelle
verlangt weißes Fleisch. Genauso mageres Schweinefleisch
und kernige Koteletts. Für die Züchter kein Problem. Sie kreieren
das neue deutsche Landschwein mit wenig Fett und mehr Rippen. Auch Landschaft wird angepasst,
maschinengerecht. Flurbereinigung
lässt keinen Platz mehr für Hecken oder Natursteinmauern. (Originalton) “Sicher,
das tut schon ein bisschen weh, wenn der da so Stück für Stück
von der alten Mauer frisst. Aber er nimmt auch den Schweiß
und die Plage mit weg, mitsamt den Mauern. Wo es nötig ist, wandelt sie
natürlich ihr Gesicht, unsere gute alte Landschaft.” Und das gute alte Dorf, es ist für die großen Traktoren
und neue Ställe zu eng. Also wird mit staatlichem Zuschuss
ausgesiedelt. Das Alte hat keinen Wert mehr. (Originalton) “Auf dem Aussiedlerhof
der Reiter in Altgmain bedauert es niemand mehr, dass
der alte Hof aufgegeben worden ist. Es lebt sich leichter und schöner
auf dem gewandelten Bauernhof. Und der Feierabend
ist jetzt für alle da.” Modern wollen Bauer und Bäuerin sein. Wie die von der Stadt. Also wird auch im Haus ausgemistet. In die alte Stube
zieht Gelsenkirchener Barock. Doch auch das sind
Aufnahmen aus den 60er-Jahren. Die Höfe werden unrentabel
und ernähren ihre Bauern nicht mehr. Die suchen im Nebenerwerb
einen Ausweg. Während die Frau
alleine den Hof erhält, wird das Geld in der Fabrik verdient. Viele geben die Landwirtschaft
ganz auf, doch der Rest
produziert und produziert, unabhängig von der Nachfrage. Die EWG garantiert ja die Abnahme
zu einem festen Preis. Die Folge: Überschuss. Und der Verbraucher zahlt zweimal: Über den Ladentisch und über Steuern,
z.B. auch für teure Lagerhaltung. Unzufriedene Verbraucher
und unzufriedene Bauern: Trotz Überproduktion verdienen sie nämlich weniger
als die übrige Bevölkerung. Also erzeugen sie noch mehr
und fordern noch höhere Preise, um ihren Familienbetrieb
erhalten zu können. Der falsche Weg
nach einem Professoren-Gutachten. Das fordert schon 1962
drastische Preissenkungen. Mit der Absicht,
Kleinbetriebe zur Aufgabe zu zwingen. Nur so sei der Verdienst
der übrigen gesichert. Der Bauernstand protestiert. Auch die Union
hält an der Parole fest, dass Bauer bleiben kann,
wer Bauer bleiben will. Die Realität sieht anders aus. 1968 will Bundesernährungsminister
Höcherl mit seinem Kabinettskollegen Schiller auf dem Land
gewerbliche Arbeitsplätze als Alternative zum
bäuerlichen Kleinbetrieb schaffen. Für die Bauern nur der Versuch, die Nebenerwerbslandwirtschaft
zu beseitigen. Ihre Antwort:
“Höcherl, Schiller, Bauernkiller.” Selbst der CSU-Politiker Strauß
gerät in die Schusslinie. Auch er möchte keine Existenzgarantie
für alle Bauern mehr abgeben. Auch die Europapolitik fordert:
“Wachse oder Weiche”. Kleinbetriebe sollen aufgeben,
damit der Rest in sog. technisierungswürdigen
Einheiten überleben kann. Die Bauern sind über den Plan des Vizepräsidenten der EG-Kommission
Sicco Mansholt empört. (Originalton) “13.30 Uhr. Die letzten
Busse haben den Vorplatz verlassen. 4000 Bauern haben diszipliniert
die Ränge gefüllt. Der Veranstalter kann zufrieden
sein. Kann er es wirklich?” In der Kieler Ostseehalle
sucht Mansholt den Dialog, aber niemand kommt zu Wort. Auch nicht BR-Agrarjournalist
Erich Geiersberger, der eine Alternative zu den
EG-Reformplänen präsentieren will, den “Bayerischen Weg”: Statt “Wachse oder Weiche” eine Partnerschaft der Voll-,
Zu- und Nebenerwerbsbetriebe. Wir sind doch Menschen
und keine Ochsen! Die Landwirte wollen nicht hören, dass die Agrarpolitik
reformiert werden muss. Und weil die Bauernlobby stark ist, und ein gewaltiges Wählerpotenzial
darstellt, handelt die Politik letztlich nicht. Die Produktionsschlacht geht weiter. In den 70er-Jahren ertrinkt Europa
in Milch und versinkt in Getreide.

Die 68er: Landwirtschaft vor 50 Jahren| Unser Land | Reportage | BR

14 thoughts on “Die 68er: Landwirtschaft vor 50 Jahren| Unser Land | Reportage | BR

  • April 13, 2018 at 8:59 pm
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    Die guten alten Hanomag Planierraupen 🙂

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  • April 16, 2018 at 11:48 am
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    Und heute befinden wir uns immer noch auf dem selben Holzweg wie damals. Was aber nun immer mehr zu Tage kommt, dass wir unsere Umwelt mit dieser Art der Landwirtschaft ruinieren.

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  • April 16, 2018 at 3:24 pm
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    Schande das die kleinen Bauern gezwungen wurden und heute gezwungen werden aufzugeben. Damit die großen Platz haben

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  • April 16, 2018 at 4:16 pm
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    Ich liebe alte Aufnahmen aus der Landwirtschaft . Das war wirklich sehr sehr harte Arbeit gewesen . Tolle Info Doku . MfG, Ihr Denny

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  • April 16, 2018 at 5:27 pm
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    Da begann der Abstieg..

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  • September 13, 2018 at 8:27 pm
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    Das waren noch Zeiten.😍

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  • October 10, 2018 at 11:17 pm
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    Eigentlich hat sich nicht sehr viel veraendert: zumindest nicht fuer die konventionellen Kommerzbauern……

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  • January 3, 2019 at 9:10 pm
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    Die DDR-Landwirtschaft war in den 1960er Jahren bereits der der BRD weit überlegen – durch die abgeschlossene Kollektivierung und der daraus entstehenden Großflächenwirtschaft. Geringere Hektar-Erträge oder geringere Milchleistung wurden durch "Masse" ausgeglichen. Der DDR gelang es so sich unabhängig (!) von Importen zu machen. Dadurch konnte diese Art Landwirtschaft im "Beitrittsgebiet" (nach 1990) auch nicht "beseitigt" werden!

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  • January 13, 2019 at 12:20 pm
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    Der beste Witz Die 6-tage KUH!!!

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  • February 18, 2019 at 4:00 pm
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    Bei 4.10 ein Kreidler Floret

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  • June 15, 2019 at 4:50 pm
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    Europa ist Krank ……

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  • July 4, 2019 at 6:40 pm
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    Die Technik hat alles ruiniert

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  • July 16, 2019 at 7:33 am
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    Der Anfang vom Ende! Flurbereinigung, die kleinen Bauern mussten weg, jetzt hat es sich rausgestellt, das die kleinen mehr aus weniger land rausholen und die Umwelt weniger schädigen.

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  • July 19, 2019 at 10:34 am
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    Flurbereinigung! Heute strengen wir uns an, das wieder rückgängig zu machen, da uns die Natur flöten geht!

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